Berlin-Brandenburger Forschungsplattform BB3R

Tierschutzforum 2016

05.12.2016 | 19:00

Tierschutz in der medizinischen Forschung

Forum mit zwei öffentlichen Vorträgen am 5. Dezember 2016

„Modernste Technologien in der biomedizinischen Forschung – wozu braucht es Tierversuche?“ ist das Thema einer Veranstaltung mit zwei Vorträgen am 5. Dezember auf dem Campus der Freien Universität Berlin. Dabei hält Frau Prof. Dr. Ellen Fritsche, Wissenschaftlerin am IUF-Leibniz Institut für umweltmedizinische Forschung in Düsseldorf einen Vortrag über „Modellierung der menschlichen Gehirnentwicklung in der Kulturschale als Grundlage für in vitro Toxizitätstestungen: Erfolge und Limitierungen“; sie zeigt dabei auf, dass in diesem Bereich bereits vielfach auf Tierversuche verzichtet werden kann. Prof. Dr. Gary Lewin vom Max-Delbrück-Centrum beschreibt in seinem Vortrag zum Thema „Entwicklung neuer Schmerzmittel – auch ohne Tierversuche möglich?“ ein Forschungsfeld, in dem Tierversuche weiterhin nötig sind. Die Veranstaltung ist Teil einer Vortragsreihe des Tierschutzforums, in deren Mittelpunkt die Herausforderungen des Tierschutzes in der medizinischen Forschung stehen. Sie wird gemeinsam von der Freien Universität Berlin, der Charité – Universitätsmedizin Berlin und dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) organisiert.

Im Rahmen der Reihe geben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein Mal jährlich Einblicke in die medizinische Forschung und stellen Alternativmethoden sowie tierschonende Arbeitstechniken an praxisrelevanten Beispielen vor.

Prof. Dr. Gary Lewin beschreibt in seinem Vortrag ein großes gesellschaftliches Problem: Ungefähr 18 Prozent der europäischen Bevölkerung sind ständig mit chronischen Schmerzen konfrontiert. Schmerzen schränken die Menschen ein, beeinträchtigen die Lebensqualität und verursachen hohe wirtschaftliche Kosten durch Arbeitszeitverluste. Die im Moment verfügbaren Schmerzmittel können gefährliche Nebenwirkungen haben. Studien zeigen außerdem, dass die meisten Schmerzpatienten mit dem Maß der Schmerzlinderung nicht zufrieden sind. Daher werden neue Schmerzmittel benötigt, die wirksam und sicher in der Anwendung sind. Die Entwicklung neuer Schmerzmittel beruht auch auf Tierversuchen. Diese sind bei der Zulassung neuer Wirkstoffe vom Gesetzgeber sogar vorgeschrieben. Prof. Lewin wird einen Überblick über die momentane Situation in der Entwicklung neuer Schmerzmittel geben und von den finanziellen und praktischen Herausforderungen berichten, die bewältigt werden müssen, um Schmerzen bei Mensch und Tier zu lindern.

Prof. Dr. Ellen Fritsche bedient sich bei ihrer Forschung eines Tricks, der Tierversuche verzichtbar macht: Sie zerlegt die komplexe Entwicklung des menschlichen Gehirns in ihre Teilprozesse und kann sie dadurch in der Kulturschale abbilden. Toxische Effekte von Substanzen auf die einzelnen Schritte werden dann in vitro in einer Testbatterie untersucht und die Einzeleffekte im Nachhinein zusammen bewertet. So erschließen sich tierversuchsfrei die Wirkweisen von Schadstoffen. Dennoch testet sie nicht in einem Gesamtorganismus, und auch die Übersetzung der Belastung in der Kulturschale auf den Gesamtorganismus ist eine Herausforderung. Zudem können indirekte Effekte, welche durch Wechselwirkungen mehrerer Organe hervorgerufen werden, mit solchen einfachen Modellen nicht erfasst werden – hierzu werden beispielsweise Human-on-the-Chip-Modelle benötigt.

Derzeit ist die europäische Nahrungsmittelbehörde EFSA gemeinsam mit der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) daran interessiert, solche Testverfahren zur Erfassung von Entwicklungsneurotoxizität für regulatorische Zwecke einzusetzen. Dazu fand im Oktober 2016 ein Treffen in Brüssel statt; über das Ergebnis wird im Rahmen dieses Vortrags berichtet.

In der Vortragsreihe wird im Sinne des sogenannten 3R-Prinzips – Reduzierung der notwendigen Tierzahlen eines Versuchs (reduction), Verminderung der Belastung eines Versuchstieres (refinement) und vollständigem Ersatz eines Versuchs (replacement) – gezeigt, in welchen Bereichen Tierversuche bereits reduziert werden können oder wo auf Ersatzmethoden zurückgegriffen werden kann. Ebenso wird thematisiert, in welchen Bereichen der medizinischen Forschung auf Tierversuche zurzeit noch nicht verzichtet werden kann.

Zeit & Ort

05.12.2016 | 19:00

Freie Universität Berlin
Neubau Kleine Fächer (Holzlaube),
Fabeckstraße 23/25,
Seminarraum 0.2051,

14195 Berlin.

Weitere Informationen

Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt frei. Um formlose Anmeldung wird gebeten: vp1@fu-berlin.de.

BMBF-de